Klinikseelsorge Vitos Riedstadt

Immer mehr Menschen psychisch krank – Spiritualität ein Weg zur Hilfe?

Die Presse meldet: Immer mehr Menschen werden psychisch krank. Nachdem der Begriff "Burn-out" geprägt war, wurden psychische Erkrankungen gesellschaftsfähig. Was vorher im Verborgenen erlebt und erlitten wurde, darf nun an die Öffentlichkeit gelangen. Im Gesundheitsreport der Barmer GEK Krankenkasse von 2009 wird der Anteil psychischer Erkrankungen bei Arbeitsunfähigkeit in Deutschland mit knapp 17 Prozent festgestellt. Da gibt es die ausgebrannte Lehrerin, den von Angststörungen geplagten Finanzberater, die depressive Verkäuferin, also ganz normale Menschen neben uns, die dem gesellschaftlichen Druck nicht mehr gewachsen sind. Neben dem Job stellen auch noch die Familie und die Beziehung Ansprüche. Konflikte hier, Konflikte dort, Druck von allen Seiten, ob Familie, Arbeitskollegen oder Chef, dazu die Jagd nach Erfolg– irgendwann fällt der Satz: „Ich kann nicht mehr, ich bin am Ende!" Der Körper hat es merkt. Die Seele zieht nach. Beide setzen dann "lebensrettende" Maßnahmen in Gang: Niedergeschlagenheit, Kraftlosigkeit, das Gefühl der Leere und des Ausgebrannt-Seins. Dieses Erleben, was wir im Allgemeinen als negatives Erleben beschreiben, schützt die Betroffenen paradoxerweise vor dem gänzlichen Verfall. Seele, Geist und Körper treten auf die Bremse, gönnen sich eine Auszeit. Aber in einer Gesellschaft, in der nur Leistung und Vorankommen zählt, ist Geschwindigkeitsreduzierung oder gar Stillstand vollkommen unakzeptabel.

Warum ist es gerade die Seele, die lebensrettende Maßnahmen einfordert und einführt? Was das Bewusstsein und der Verstand nicht schaffen, erledigt glücklicherweise die Seele. Sie ist allein dazu im Stande, weil sie in ihrem Wesen Anteile des menschlichen als auch des über das Menschliche hinausweisende Transzendente, des Ewigen, in sich verbindet. Sie weiß sich verbunden mit dem lebensbejahenden und lebensbewahrenden Ur-Grund des Seins, das wir auch Allgegenwart oder einfacher „Gott" nennen. Von ihm heißt es: "Er ruhte am siebten Tag." Da wird schon in den ersten Versen der Bibel auf den notwendigen Wechsel von tätiger Anspannung und gelassener Entspannung hingewiesen. Und das nicht erst nach sechs Tagen anstrengender Arbeit! Jeder Tag endet mit einem Rückblick und der Feststellung: „Siehe, es war sehr gut!" Das lässt Gottes Freude und Dankbarkeit über das Geschaffene erkennen. Der Schöpfer wird sich seiner Arbeitsleistung bewusst. Er lässt sich von Dankbarkeit tragen und inspirieren. Unsere Seele erinnert sich der Haltung Gottes. Sie steht in besonderem Bezug zu Gott. Sie weiß, was um die Notwendigkeit des Innehaltens.

Ressourcenorientierte Psychotherapie entdeckt gegenwärtig den Nutzen der Religion und der Spiritualität für die Bewältigung von Krisen und Stress. Wissenschaftliche Untersuchungen belegen, dass sich Dankbarkeit gegenüber Gott und den Mitmenschen positiv auf emotionales und seelisches Wohlbefinden auswirkt. Eine dankbare Haltung trägt zu Reduzierung von Sorgen bei und steigert das Wohlbefinden.

Dankbarkeit entwickelt große regenerierende Kräfte. Sie hilft die Art und Weise, wie wir das Leben und uns selbst sehen, zu verändern. Sie trägt dazu bei, dass schwierige Situationen leichter genommen werden können. Unerträgliches und Unabänderliches wagt sie in einem neuen Licht und aus einer anderen Perspektive zu sehen. Dankbarkeit schenkt ein besseres Gefühl für das eigene Erleben, für den Umgang mit der Welt und dem eigenen Lebensumfeld. Dankbarkeit erhebt das Herz.

Erinnern wir uns: Niedergeschlagen und verzweifelt machten sich zwei Jünger auf den Weg von Jerusalem nach Emmaus. Der auferstandene Christus näherte sich ihnen und lehrte sie, die Bedeutung des Kreuzestodes ihres Meisters dankbar wahrzunehmen. Als sie das erkannten, wurden sie sich ihres "brennenden Herzens" während des Gespräches bewusst. Sie sprachen aus, was die Sicht der Dankbarkeit in ihnen ausgelöst hatte: "Brannte nicht unser Herz!" So waren sie vom Zustand des "Burn-out" in den Zustand des "Burn-in" gelangt.

Glücksgefühle geben nicht nur dem Leben einen neuen Sinn, sie öffnen auch die Tür zur Begegnung mit Gott. Leider stellt sich Dankbarkeit oft nicht allein ein. Aber wir können üben, dankbar unser tägliches Erleben in all seinen Zusammenhängen zu erfassen. Vielleicht machen Sie es sich in der kommenden Passions- und Fastenzeit zur täglichen Aufgabe dem Dank Raum zu geben und fasten die Sorgen und den Stress zugunsten eines lebens schöpfenden dankbaren Innehaltens. In sieben Wochen werden Sie gewiss schon sehen können, wie sich die Übung des Dankens für Sie ausgewirkt hat.
Klaus-Willi Schmidt, Klinikseelsorger