Von der Würde eines jeden Menschen

Es ist um die Mittagszeit, auf dem Marktplatz ist Aufregung. Die Leute sind aufgebracht. Überall hört man es raunen: „Habt ihr schon gehört?“, "Unglaublich!", "Das geht nicht mit rechen Dingen zu!", "Wie kann der nur den Matthäus vorziehen?", "Der Matthäus hat doch gar kein Recht dazu.", "Wir gehören in die Mitte!", "Wir kriegen wieder nichts ab!".
Jesus sitzt zu Tisch bei Matthäus. Bei ihm viele andere Zöllner und Sünder. Die gut situierten Menschen der damaligen Gesellschaft, die rechtschaffenen Arbeiter, Bürgerinnen und Bürger fühlen sich missachtet. Zu ihnen kam Jesus an diesem Tag nicht. Welch Ungerechtigkeit! "Wie kann Jesus nur zu den Zöllnern gehen?", "Die haben das doch gar nicht verdient!" (Matthäus 9,9-13) Haben sie nicht?
Wer verdient die Aufmerksamkeit Gottes?
Ich vermag da nicht zu urteilen. Ich weiß nur eines: Jeder Mensch ist Geschöpf Gottes, ganz egal, wie er aussieht, wie viel er kann oder nicht kann, und ob er Fehler gemacht hat oder nicht. Alle sind von Gott mit Würde ausgestattet, die ihnen niemand vor allem nicht andere Menschen nehmen dürfen. Am Ende der kleinen Geschichte aus der Bibel sagt Jesus: "Die Starken bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken. Geht hin und lernt, was das heißt: Ich habe Wohlgefallen an Barmherzigkeit und nicht am Opfer."
Ich frage mich manchmal, ob unter uns gegenseitige Anerkennung von Würde und Wert des anderen unabhängig von der Leistung oder der Tat gelebt wird, oder ob wir doch eher nach dem Prinzip: Der Stärkere gewinnt, und "Hauptsache ich" leben und dabei das ein oder andere Mal die Würde von anderen missachten oder gar mit den Füßen treten.
"Geht hin und lernt", sagt Jesus. Ich glaube, wir können noch viel lernen, und bei manchen Dingen brauchen wir die Hilfe Gottes. Was mich tröstet: Bei Gott gibt es keine hoffnungslosen Fälle.

Ihr Pfarrerin Julia Bokowski